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Kapitel 1
”Hey Jonathan!! Hey, ich rede mit dir!!! Jemand zuhause?!” Und schon prallte das merklich verbrauchte Stück Kreide gezielt gegen meine Stirn. Der Schreck fuhr mir durch die Glieder, mein stüzender Arm verlor Kraft und mein Kopf fiel in die Leere über der Tischplatte und prallte kurz darauf auf die hölzerne Schultischplatte. Das dumpfe Klatschen meiner Stirn und dem oberen Nasenbein, begleitet vom anschwellenden Gelächter meiner Klassenkameraden, klang, in Form von heftigen Kopfschmerzen, unerfreulich lange noch in meinem Hirn nach. Ich erhob sofort wieder den Blick, und traff so genau in die Augen von Ms. Kinsey, die mit, in die Hüfte gestemmten Händen, vor meiner Bank stand und auf mich, elenden Anblick, herab sah.
“Nah, wieder wach?!” Wie schaffte sie es jedes mal ihren Sarkasmus in dieses zarte gutmütige Lächeln zuverpacken? Sie war eine falsche Schlange, das wusste jeder, seit der zweiten Stunde bei ihr. In der ersten Stunde der Begegnung war sie so unendlich nett gewesen, ständig gelächelt und zu allen freundlich. Aber in der nächsten Stunde fiel dann die Maske, und sie entpuppte sich mit einem Schlag; der viele von uns hart traf; als heuchlerischer Teufel. Nagut, sie war eine von diesen Lehrern die ihre Lieblingsschüler haben und den Rest abgrundtief hassen. Leider gehöre ich nicht zu den Geliebten und stand auch so, aus irgendeinem Grund ziemlich weit oben auf ihrer Abschussliste. Wenn sie mir im nächsten Test eine weitere 4 oder 5 entgegen hielt und mir eine ihrer Weisheiten wie “Nimm das ernst, Johnathan” auftischte, lächelte ich sie nur an. Keine Ahnung ob sie darüber nachdachte oder mich einfach nur als totalen Hirnschwachmaten abstempelte. Ich habe mir oft überlegt ihr in einem solchen Moment zu sagen “Warum sollte ich sowas ernstnehemen? Das Leben nimmt mich doch auch nicht ernst.”
Ich hatte mir vor einiger Zeit schon angewöhnt, allem Beschissenen in dieser Welt mit einem, vielleicht ein wenig dümmlich wirkenden Lächeln entgegen zutreten und selbst wenn das Schicksal mich mitten in 2 Hälften teilen würde, ich würde es auslachen. Einfach nur gespalten da stehn und lachen. Wollte ich es totlachen, solange lachen bis es fortgehn würde? Ich weiß es nicht mehr. Es ist im Grunde auch egal. Jetzt zumindest.

Ich schaute mich kurz leicht verschlafen im Klassenzimmer um. Alle Kameraden standen mit ihren Taschen an ihren Bänken, einige waren auch schon auf dem Weg zur Tür. Mein wandernder Blick wurde von der Nerven zerreisenden Stimme Ms. Kinsley's wieder auf ihre Augen fixiert. Ich schaue den Leuten immer in die Augen. Ob nun aus guter Manier oder einfach reiner Neugier? Ich weiß es wirklich nicht. Ich rieb mir kurz den Schmand aus dem Augenwinkel und versucht nicht ganz zu verschlafen zu klingen. Nach einem unterdrückten Gähnen sagte ich: “Oh, jaja mir geht es gut, danke der Nachfrage. Ist denn Schon Schluss? Es ist doch immer wieder faszinierend, und doch zugleich auch schade wie schnell ihre Stunden vorüber ziehen.” “Wenn das so ist, würde es dir wohl auch kaum etwas ausmachen, noch eine Stunde hier zubleiben, oder? Ausgezeichnet, hier nimm, und melde dich in 10 Minuten im Raum 113.” Mir entfleuchte nur ein “humm...” als ich den kleinen Vordruckzettel annahm, auf dem jeweils ein Kästchen für die Uhrzeit, das Datum und die Zimmernummer platziert war. Aber eigentlich hätten sie sich das Papier auch für wichtigere Dinge sparen können. Nachsitzen war immer im selben Raum nach Schulschluss. Das Datum war eigentlich auch klar, da es immer der jeweilige Tag des Nachsitzenzettelerhaltens war an dem man dieser “Strafe” nachkommen musste. Es war in dem Sinne eigentlich keine Strafe, zumindest nicht für mich.
Man konnte diese “Freizeit” für Hausaufgaben und solcherlei nutzen, musste man aber nicht. Ich tat das nie.

Im Raum 113 angekommen, saß ich mich auf den Platz vorn, ganz rechts neben die Tür. Man durfte sich leider nicht in die ganz letzte Reihe setzen, weiß der Teufel warum, vermutlich denken die Lehrer man würde etwas perfiedes zum Zwecke der Flucht planen. Sie irgendwie überrumpeln wollen, und dann so schnell einen die Füße trugen davon laufen. Wenn sie sowas dachten, hätten sie nicht Lehrer werden sollten. Ich meine was hätte ich denn davon, wenn ich am nächsten Tag sowieso wieder zur Schule kommen müsste. Ich habe mir aber schon oft überlegt, wer mich denn eigentlich zwingt, in die Schule zu gehn. Ich bin zu keinem Schluss gekommen, bis heute noch nicht.

Nun saß ich also mal wieder in der 113. Ich sah anfangs immer eine Weile im Raum umher. Es war etwas belustigend die anderen “Mitsitzer” zu beobachten wie sie eifrig ihre Zeit nutzten und versuchten Sinnvolles zuerledigen. Aber irgendwie taten sie mir in einem gewissen Sinne auch leid.
Es saßen unterschiedliche Leute, wegen ganz unterschiedlichen Sachen. Da gab es zum Beispiel diesen Riesen, ich glaub er hieß Ian. Er wirkte wie einer dieser typischen gorillahaften Schläger; der musste oft sitzen. Er bestand darauf, immer an einem offenen Fenster sitzen zu dürfen, da er behauptete, der Mief im Raum würde ihn umbringen wenn er nicht mit halber Nase eine Prise Frischluft atmen konnte. Aber man konnte ihm ansehn, das er nicht deswegen dort saß. Trotz seines brutalen Äusseren – sein markiges Gesicht zierten schon einige Narben, vermutlich von blutrünstigen Schlägereien – konnte man, aber nur wenn man wirklich genau hinsah, erkennen, dass er einer der zartfühligsten Menschen des verdammten Globus war. Trotz seiner muskelüberfüllten Arme auf denen man Bergwanderungen von mehr als 3 Tagen hätte machen könne, und seines generell eher klotzigen und groben Auftretens, bewegte er sich nicht etwa hölzern oder ungeschickt. Ich beobachtet ihn während einer Stunde Nachsitzen etwas eingehender und musste wie versteinert mit ansehen, wie er einen riesigen Käfer, der aus Dummheit auf seiner ruhig daliegenden Hand gelandet war, mit seinen Pranken umschloss. Man konnte das gedämpfte, aber trotzdem noch laute und recht hektische Brummen des Käfers hören. Ich schaute in Erwartung eines sadistischen Grinsen in Ian's Gesicht, aber sah dort nur ein kleines schiefes Lächeln auf seinem Mund aufleuchten. Dieses Lächeln war in keinster Weise sadastisch. Ganz im Gegenteil es war das natürliche Lächeln eines fröhlichen Herzen das genügend Liebe für die ganze verdammte Welt in sich bergen konnte. Es war unfassbar, er presst nun seine Hände nicht etwa zusammen, sonder hob sie hin, zum offenen Fenster, riss gemächlich die obere Hand davon und gab dem Käfer in seiner Handfläche mit dem Ballen der tragenden Hand einen leichten Schubs. Für einen kurzen Moment, hing der Käfer in der Luft, er schwebte nur ein paar Milimeter über Ian's Hand, entfaltete seine von Chitin überdeckten Insektenflügel und brummte durch das weit geöffnete Fenster in den strahlenden Nachmittag.

Nein Ian war kein brutaler Schläger. Niemand sah ihn je, wie er sich mit jemandem prügelte. Dennnoch gab es diese Gerüchte, er hätte einmal ein ganzes Rudel Halbstarker in wenigen Sekunden nieder getrampelt. Ich finde es immer wieder schlimm, das die Menschen so sehr nach dem Äusseren eines Menschen urteilen und über ihn richten, ohne ihn gefragt oder jemals gesprochen zuhaben. Ich muss aber zugeben, das ich von dieser Eigenschaft auch nicht gerade unbefangen bin, aber es ist doch immer leichter über die Anderen herzuziehen, als sich an die eigene Nase zugreifen, selbst wenn diese näher liegt, was ja in den meisen Fällen wünschenswerter Fakt ist.

Ich lies meinen Blick weiter durch den Raum schweifen. Er war bereits durch die goldbraun gebackenen Lichtschwaden der Nachmittagssonne geflutet. Die Sitzenden warfen lange dämmrige Schatten auf Wände und Tischzwischengänge, als würde die nichtbeleuchtete Seite von ihnen, in den Raum dahin schmelzen. Sollte ich dem Aufsichtslehrer von dieser äusserst perfieden Art der Fluchtversuche erzälen? Aber auch der machte sich langsam aus dem Staub. Seine dem Fenster abgewandte Seite, seine dunkle Seite, verflüchtigte sich in Richtung der geschlossenen Tür und bäumte sich auf dem dünnen Holz der Tür wie ein in die Enge getriebenes Tier auf. Man konnte den Schatten fast schon panisch schreien und gegen die Tür hämmern sehn.
Der Geruch von Schweiß stieg mir in die Nase, und versuchte mir scheinbar die Übelkeit aus Mund, Nase und sämtlichen Poren meines Köprers heraus zukitzeln. Es ist nicht so, das ich den Geruch von schwitzenden Menschen besonders verachte oder hasse, ich bin selber nicht unbedingt der reinlichste Mensch, dennnoch ist die konzentrierte Kraft von 14 stark transpirierenden Menschen in einem Raum nicht annähernd der Duft der Pandora.
Dafür hasste ich den Sommer. Aber ich mochte ihn generell nicht
Ich hasste ihn für vielerlei Dinge die er so mit sich brachte. Die täglich anschwellende Hitze, das nervige Gepiepe von, um ihren Artbestand besorgter Vögel, die riesigen künstlichen Blumenrabatten die zum Zwecke der Schöhnheit in Schriftzüge oder Symbole gepresst wurden, oder die heiter, mit ihren Bronzeglocken bimmelnden, Eishändler auf ihren Dreirädern und den Gefrierboxen vorn dran, die einem alle Naselang ein Eis andrehen wollten, sowie die Menschen die diese Zeit nutzten, um in so ausgelassener Heiterkeit durch die Parks zuströmen, wo alles grünte und blühte und sich in seiner einfach nur fröhlich und heiteren Art mir entgegen schlug.
Und mittendrin Ich. Ein schwarzes Loch der Missmut.

Kapitel 2
Das Nachsitzen war überstanden, oder eher gesagt übersässen und ich machte mich auf den Heimweg. Die Dämmerung bereitete sich gerade darauf vor, die Stadt mit großen Schritten zu überrennen und den Weg für die laue Sommernacht zu ebnen. Das Battalion der Sterne sandte ebenso seine Späher aus. Allerdings taktisch unklug. Es waren einfach zuviele von ihnen, als das sie unentdeckt geblieben wären.
Mein Heimweg führte stets durch den West-Pocket Park, einer dieser verhassten Sommerparks . Vorbei an den Hundewiese auf denen sich die ganzen Hunde austobten, ihr Besitzer légèr daneben standen oder irgendwo saßen und sich gegenseitig vollschwätzten wie wunderbar doch ihre Leben waren. Allerdings verschwanden sie alle hektisch, genau wie die Sonne, so furchtbar feige, wenn sich die Dunkelheit anbahnte.
Weiter auf dem schmalen Kiesweg, entlang des Sees mit einer mittel prächtigen Fontaine und den kleinen Enten, und der einzelnen Parkbank mit dem kauzigen Mann, späteren Alters. Neben ihm stand stets dieser schwarzer, leicht abgegriffener Gitarrenkoffer. Immer oben auf der Bank, nie auf der blanken Erde. Ich habe mich oft gefragt was er darin mit sich trug. Ich hab mich vermutlich genauso oft gefragt wo er eigentlich wohnte, denn egal wann man an dem See vorbei kam, er saß immer an der selben Stelle und traktierte die Wasseroberfläche mit seinen Blicken, als wollte er sie mittig teilen oder zum kochen bringen. Er war ein komischer Anblick, ein melancholisch, seicht dahin vegetierender Pol der Ruhe, inmitten eines Meeres aus so zahlreich hektischen Bewegungen der fröhlich hin und her wogenden Menschenmasse. Manchmal, wenn ich früher Schulschluss hatte, stand ich eine Weile da, und betrachtete Ihn von der anderen Seite des Sees. Er bewegte sich kein Stück. Wenn man ihn ansah, saß er die ganze Zeit zusammen gesunken, das Kinn auf den Brustkorb gelegt, den Blick auf den See mit den Enten fixiert, auf der, mit grüner Rostfarbe bestrichenen Bank. Er hatte eine verblichene und schon leicht löchrige braune Corthose und ein schlichtes, langärmliges, schwarzes Hemd an. Er glich einem Priester, es fehlte ihm nur der Priesterkragen. Auf dem Kopf trug er einen ebenso dunkel gehaltenen Hut, dessen Krempe vorn das Gesicht teilweise verdeckte. Die Gesichtspartien die hätten gesehn werden können, wurden durch einen ungepflegten und noch relativ kurzen Vollbart, mit schon sacht grauen Ansätzen, überwuchert. Dennnoch konnte man gut erkennen, dass er eine sehr große Nase und ziemlich tiefhängende Tränensäcke überzogen von einer von etwaigen Pockennarben zerfurchten Haut hatte.
Der Bart, seine zermarterte rissige Haut, die gekrümmte Haltung und seine vergilbte Kleidung liesen ihn so schrecklich alt wirken. Aber Die die seine Hände gesehn haben, wissen es besser. Dieser Mann war nicht sonderlich alt. Seine Hände waren kraftvoll, so wie die von Ian, aber auch glatt -trotz der furchenreichen Gesichtshaut-, von der Sonne natürlich braun und gelegentlich mit kleinen Äderchen auf dem Handrücken und Handgelenk verziert. Aber alt? Nein. Wer seine Hände gesehn hatte, lies sich durch das Gesicht nicht mehr täuschen. Das wären die Hände eines Mannes Mitte 20, nicht eines Alten.
Ich hielt seinem Anblick meist nicht länger als 15 Minuten des unverwandten Starrens stand und setzte dann meinen Weg unverzüglich fort. Aber kaum wand ich ihm den Rücken zu, erfasste mich diese unnatürliche und durchdringende Kälte von einem Paar Augen, die mir mit ihren glühenden Blicken Löcher in den Nacken brennen zuschienen. Die fröstelnde Angst, die mich in diesen Momenten immer befiel und als Schauer über meinen Rücken und Nacken lief, konnte mich nie ernsthaft aufhalten, mich nicht doch noch einmal umzudrehen, und nach dem Mann zusehn, der dann immernoch auf der Bank saß und versuchte die Fische im See zu kochen. Ich erwartete immer, er hätte seinen Kopf angehoben und würde mich aus finsteren, dämonisch funkelnden Augen anblicken, sondieren, gefangenen nehmen, komplett umschliesen und mich mit einem kleinen, nichtsbedeutenden Zwinkern seiner sonnengebräunten Augenlieder einfach zerquetschen. Nie geschah etwas dergleichen.

Aber diesen Nachmittag blieb ich nicht stehen, lief weiter auf dem Kieselweg, an dem See vorbei. Ich hörte über das knirschende Geräusch, aneinander reibender Kieselsteine, das heiter brabbelnde Gequake der Enten und das Sprudeln der Fontaine heraus und sah im Augenwinkel, die fahlen, dunklen Silouetten des Mannes und des Gitarrenkoffers auf der Parkbank. Ich spürte wie die glühenden Blicke Brandstreifen auf meiner Wange hinterliesen, so dass ich wie in Trance langsam mit der Spitze meiner rechten Hand über die verbrannte Stelle striff und sie nach Verbrennungen betastete. Es war grauenhaft diesen Fleck zubefühlen. Er war so wiederlich glitschig und schleimig und am unteren Wundenrand hingen noch einige kleine Hautfetzen herab, die bei jedem Schritt mitwiegten. Ich blieb keines Falls stehen, eilte weiter. Ich hatte den See längst hinter mir gelassen, als ich, immernoch mit langsamer Bewegung, die Handspitze vor meine Augen führte und mit dem grausamen Anblick einer Blutüberströmten Hand rechnete. Ich bereute diese Entscheidung, und schloss, kurz bevor die Hand in mein Blickfeld trat die Augen und riss mit meiner Linken die Hand zurück auf ihre Stammposition neben meinem Becken. Geistig komplett aufgelöst eilte ich durch den Park, verließ ihn umgehend und steuert zielgerichtet auf die Lynxtonroad mit dem weiß getünchten Mehrfamilienkomplex hin. Angekommen, riss ich noch verstört mit der rechten Hand die Tür zur Eingangshalle auf, stürmte mit schweren Schritten zum Lift, der aus Gründen, die mir heute noch unklar sind -vielleicht wollte er mir helfen- seine Türen gerade öffnete und mir seinen leeren Fahrgastraum demonstrativ entgegen bot. Ich zögerte keinen Moment, betrat den Lift, drückte auf die, mit der 5 versehenen Taste und hämmerte kurz darauf auf den “Schließen”-Knopf um nicht noch länger warten zumüssen. Auch diesen Gefallen tat mir der Lift und drosch, mit einer Gelassenheit die nur ein so eigenmütiger Lift vorweisen kann, seine Türen zu und schnellte den Schacht empor.

Kapitel 3
“Mit einem kurzem Klingeln, das man sonst nur von Schreibmaschinen kennt, wurden die Türen aufgerissen und ein hektisch auf der Stelle tretender Junge stürmte los, sobald der Spalt zwischen den Türen groß genug war, ihn durch zulassen. Er stolperte, von seiner Tasche leicht aus dem Gleichgewicht gebracht den Flur entlang und rammte zweimal versehentlich mit den Schultern gegen die Wand. Letztendlich kam er vor der Wohnungstür seiner Wohnung zum Halten, drehte den Knauf und lief gegen die Tür. Er schien sehr verwirrt gewesen zusein, er hatte nämlich vergessen die Tür aufzuschließen. Nach wenigen Sekunden fiel es ihm dann aber doch auf und er zerte seinen Bund Schlüssel aus der Tragetasche und sortierte zittrig den Wohnungsschlüssel heraus. Er stürmte in die Wohnung und knallte schwungvoll die Tür hinter sich zu.”
Das gab eine Nachbarin vom Ende unseres Flurs später zu Protokoll. Mir fiel damals gar nicht auf das ich so überstürzt handelte. Aber in der Wohnung endlich angekommen, schmiss ich gleich die Tasche in die Gaderobenniesche, die Schuhe einzeln hinterher und schritt schnell zum Bad, um mir das Geschenk der glühenden Blicke, das sie auf meiner Wange hinterlassen hatten, zu betrachten. Zögernd schritt ich vor den Spiegel, drehte zu erst meine linke, unversehrte Wange zum Spiegel um den Schockmoment noch ein wenig heraus zu zögern. Nach sekundenlangen Kampf mit Selbstzweifeln und Ängsten, drehte ich mich ruckartig auf die andere Seite, so dass nun die entstellte Wange mir entgegen war. Ich hielt mich am Waschbeckenrand so gut ich noch konnte fest um nicht vor Schock zu fallen, aber ich konnte keine Kraft mehr aufbringen, mich auf den Beinen zuhalten und sackte auf dem Badezimmerboden in mich zusammen. Ich fiel wie ein Stein, meine Nase striff die Kante des Waschbeckens und meine Schienenbeine und Knie schlugen auf die weißen Marmorkacheln unsanft auf.
Das was ich da im Spiegel gesehn hatte. Es war einfach grauenhaft gewesen. Die riesig klaffende Wunde, die den Blick auf das von Adern und Muskeln durchzogene Fleisch zwischen Wangenhaut und Mundinnenhöhle so schamlos preisgab.Die an den Rändern herunter hängenden Hautfetzen, die wie Kordeln eines Wandteppichs den Saum der Wunde schlossen. Sowie das lustig dahin sprudelnde Blut, das einfach nicht zufliesen aufhören wollte und mit dem Wunsch nach Flucht beseelt schien.
All das. All das war nicht mehr da. Da war nichts. Ein urgewaltiges Nichts das auf meiner natürlich entstandenen Wange, die kein Stück verbrannt oder aufgerissen oder sonst irgendwie verletzt war, mir entgegen strahlte. Es war wirklich grauenerregend, etwas so schlimmes nicht vorzufinden, obwohl man sich mental so abwehrend vorbereitet hat, fast wie ein Schritt ins Leere und der darauf folgende Fall.
Ich war mittlerweile nach hinten, aus der Sackhaltung heraus, der Länge nach auf den Boden gerutscht und lag dort nun; ausgestreckt, ungläubig die rechte Wange befühlend und an die weiß gestrichene Decke starrend. Was war passiert? Wo war die Wunde auf einmal hin? Warum war mein Gesicht und Oberkörper nicht in ein sacht glänzendes Blutrot getaucht? Ich hatte es doch deutlich gefühlt.Meine ganze recht Wange war durch einen breiten Streifen verbrannten Fleischs geziert gewesen. Ich hatte es doch wahrhaftig mit meinen eigenen Händen gefühlt; hatte gespürt wie das warme Blut, schwallweise meinen Kiefer entlang, hin zu meinem Kinn geströmt war, um sich von dort als Tropfengeschwader, vorbei an meinem Hemd, lebensmüde in die Tiefe zustürtzen. Die selbe Wärme hatte doch auch meine tastenden Hand, nach jener Erkundungstour über die Wange hinweg, umschlossen. Aber diese Wärme war jetzt weg. Einfach verschwunden. Gegangen ohne sich zu verabschieden, ohne ein 'Leb wohl'. Einfach weg.
Mit einem Schlag fühlte ich mich so einsam. Die Brandwunde hatte mich auf dem harten Fliesenboden des Bads zurück gelassen. Ob es ihr jetzt gut ging? Ob sie sich einen dankbareren Träger suchte, der nicht erst panisch heim lief sonder gleich in ein Krankenhaus ging und ihr die wichtige Aufmerksamkeit zukommen lies?
Ich blieb noch eine Weile da zwischen Kloschüssel und Badekübel, auf dem kleinen bunt gestreiften Frotteefußhandtuch liegen. Dachte über den Moment im Park, den Weg heim und den noch nicht lang zurückliegenden Schockmoment nach, kam aber zu keinerlei Erkenntnis, die mich irgendwie weiter hätte bringen können.Es war so real gewesen, aber letztendlich konnte es doch gar nicht real gewesen sein, oder doch? Es hätte sich doch mindestens eine Spur finden lassen müssen. Aber weder meine Hände, Wange oder Kleidung waren nicht mal ansatzweise mit etwas wie Blut befleckt. Aber was war mit dem Türknauf an der Wohnungstür, vielleicht hatte ich dort meine blutigen Hände so gut abgewischt. Diese Idee kam mir von Anfang dümmlich und naiv vor, aber ich lief trotzdem mit einem kleinen nassen Lappen zur Wohnungstür, um eventuelle Blutspuren beseitigen zukönnen. Ich trat in den Flur, aber der Blick auf die Tür wurde mir druch den Sturz über mein so sorglos dahingestellstes Paar Schuhe, verwehrt. Schon wieder lag ich auf dem Bode. Ich war mit dem Gesicht und Oberkörper voran, der Länge nach auf den, zum Glück mit Teppichbelag ausgelegten, Flurboden gestürzt. Meine Nasenspitze schmerzte ein wenig, nicht wirklich erwähnenswert. Ich hielt mir trotzdem meinen Zeigefinger der Linken Hand unter die Nasenlöcher, und sah nach ob ich nicht vielleicht aus der Nase bluten würde. Warum war ich so versässen darauf Blut zusehn? Da war doch schließlich dieser blutige Handflächenabdruck mitten auf dem Türholz. Von dem abgespreizten Daumen und dem kleinen Finger, sowie vom Handballen ergoßen sich kleine Rinnsale aus frischem roten Blut, das zähflüssig das Türholz in die Richtung des Bodens überquerte, aber noch nicht allzu weit gekommen war. Ich erhob mich mit einem “Ooh” des kalten Erstaunens über diesen Handabdruck, nahm den Lappen und wischte den Abdruck gründlich fort. Nach Vollendung der Putzarbeit, war nirgends mehr Blut an der Tür zu sehen, das hatte ich wirklich gut gemacht, da ich mich sonst nie um Dinge wie Putzen kümmerte. Aber dafür hatte ich nicht schlechte Arbeit geleistet, und der Lappen war nichtmal rot geworden. Er war nicht rot? Mit einem Entsetzensschrei schleuderte ich den nassen Lappen gegen die Wand rechts von mir, an der er kurz kleben blieb und dann mit der Haltung eines wahrhaftigen nassen Lappens zu Boden fiel. Das Geräusch als er gegen die Wand geklatscht war; dieses feuchte Klitschgeräusche; für diesen Moment, ein gänzlich phänomenales Geräusch. Weniger phänomenal dagegen, war der, auf der Tapete zurück gebliebene, nass-rote Fleck in Form einer Hand.In panischen Bewegungen riss ich den Lappen aus der wenig festen Umklammerung der Gravitation, und wischte so großflächig wie möglich über die Tapete. Ich quetschte jeden einzelenen Tropfen aus diesem verdammten Lappen, nur um diesen Moment, in aller Eile und Hast, zu verwischen. Erleichternd aufatmend, schob ich den Lappen von der Fleckstelle und sah dort nur noch die vertrauten Sägespanbeulen auf der weißen Tapete. Ich sackte erschöpft in mich zusammen, und ließ beide Arme sinken. Sie waren mir vom vielen eiligen Wischen ganz taub und steif geworden. Jeder einzelne Muskel freute sich offensichtlich über die Aufgabe sich anspannen zudürfen, das sie diese Aufgabe so leicht nicht aufzugeben schienen. Einem alten buckligen Mann ähnliche schlurfte ich müde zurück zum Bad, um den Lappen nach Gebrauch, glücklich über das Vorhandensein in diesem Moment, ordnungsgemäß zum Trocknen aufzuhängen, drehte mich auf dem Besockten Absatz meines Linken Fußes zur Badezimmertür um, schritt heraus, blickte nur flüchtig auf die linke Seite des Flurs, sah die blutige Hand, diesmal an der Wand, prangen, lief nach links weiter, hin zur Tür zum Wohnzimmer, nur um mit einem von Entsetzen geformten Gesicht in die Leere des, durch das Stubenfenster einfallende Licht zustarren. Was war denn jetzt wieder los? Ich wartete nicht ab, dass mein Hirn sich irgendeine hahnebüchene Antwort einfallen lies, lief ins Bad, nahm den Lappen vom Trockenrost, durchnässte ihn schnell, schritt, bewaffnet mit dem Lappen, aus der Badezimmertür. Auge in Auge mit dem Handabdruck, schritt ich auf die Wand zu, den tropfenden Lappen an meine Hüfte schlenkernt haltend, und wischte mit adrenalien gestärkten Armbewegungen, angefeuert durch ein “aaaaarrrr!” als Kampfausruf,über die Tapete. Und weg war der Fleck, als wär er nie da gewesen. War er da gewesen? Nach den vorran gegangenen Ereignissen zweifelte ich stark daran. Aber jetzt war der Fleck weg, alles war wieder gut und ich hing den Lappen erneut zum Trocknen auf, und maschierte ohne nach links und rechts zusehn in mein Zimmer. Ich sah auf dem Weg dorthin keinen einzigen Fleck. Ich schlug hinter mir die Zimmertür mit einem Krachen zu, lehnte mich mit dem Rücken an das Türholz und atmete kurz tief durch. Es war wie immer muffig hier drin, die Fenster waren geschlossen und die Vorhänge dicht zu gezogen, sodass es richtig kuschelich duster war und der Muff einem den Atem raubte. Nicht unbedingt die Atmosphäre die ich jetzt gebrauchen konnte.
Nach dem ich die Vorhänge und eines der Doppelfenster geöffnet hatte, wobei ich den Geruch von frischer natürlicher Stadtluft, wie ein Ballon in mich sog, kurz gegen das Kratzen in meinen Atemwegen hustete und von dem mir entgegen flutenden Licht geblendet war, taumelte ich von meinem Schreibtisch am Fenster quer durch mein nur etwa 2mx3m großes Zimmer zu meinem Bett und lies mich, freiwillig von der Gravitation geleitet, darauf fallen. Es federte so wunderbar nach, dass ich oft dachte, ich würde in einem Moment komplett in ihm versinken, wurde aber sogleich wieder nach oben gedrückt und lag dann ganz ruhig und gelassen auf der, von einem weißen Laken umspannten Matratze. Das Gesich tief in mein Kissen gepresst, atmete ich die warme, nach mir duftende Luft, bis sich nur noch Kohlendioxid im Kissen befand, ich immer weniger Sauerstoff bekam, mir schwindelig wurde und ich mein Gesicht aus dem Kissen riss um nach Luft zuschnappen.
Mein Herz hämmerte gnadenlos schnell gegen meinen Brustkorb, als ob es sich vor seiner angestammten Arbeit drücken und entfleuchen wöllte. Als es erkannte wie sinnlos dieser Fluchtversuch war, spürte ich wie mir die Hitze von frischem Blut durch den Körper schoß. Mein Kopf, meine Finger, Fußballen und Beine; alle wurden sie von der warmen Flut erfasst und mit neuem Leben beseelt, wieder funktionsbereit gemacht. Und die Schwindelgefühlen waren auch wieder weg.

Kaum konnte ich wieder klar denken, da brach es in meinem Kopf hervor, dieses grauenhaft wissende Gefühl, etwas entdeckt zuhaben, was man besser hätte ruhen lassen sollen. Ich riss mich aus der wunderbar weichen Geschmeidigkeit meines Bettes los, sprang auf , trat auf irgendetwas Spitzes, spürte den Schmerz vor schierer Aufregung nicht, lief zur Tür, riss sie auf, das sie mir fast ins Gesicht schlug, quetschte mich durch den Spalt der noch nichtmal ganz geöffneten Tür nach draußen in den Flur, stemmte meinen linken Fuß zum Sprint auf den Boden, lies den Flur mit drei riesigen Wasserflecken an der Tapete mit 3 Sätzen hinter mir, bog wie ein Hase schlagartig nach rechts und gelangte mit einem weiteren hektischen Satz zur Ankleide. Ich gedachte nicht lange dort zubleiben, schnappte mir mit einem weiten Griff meine Tasche, spurtete zurück durch den Flur, entlang der drei Wasserflecke die durch kleine Wasserfälle den Kontakt mit der glitschigen Fütze auf dem Parkettboden aufrecht erhielten. Ein Schritt zuviel, ein Stücken Bodenhaftung zu wenig und schon reißt es einem die Füße im Lauf nach vorn, den Arsch nach unten und das Kreuz samt Kopf nach hinten. Für einige wenige Millisekunden erfährt man das grandiose Gefühl des Fliegens, das bei dem Menschen schnell durch das aprupte, harte Aufschlagen auf dem Erdboden beendet wird und ihn sprichwörtlich zurück auf den Boden der Tatsachen bringt.
Ein durchschnittlich Erwachsener hällt so einem Sturz mit Leichtigkeit und eventuell einem blauen Fleck in der Hüftregion aus. Es sei denn man schlug sich, wie in meinem Fall, den Kopf so sehr auf dem Parkettboden ein, das man für kurze Zeit wegtrat, mit höllischen Kopfschmerzen aufwachte und lieber eine Weile liegen blieb, anstatt die angeschlagenen Glieder in Bewegung zu bringen, dann darauf wartete das die Umgebung aufhörte zuzerfliesen, sich auf die Seite rollte und der Maserung zusah wie sie als Bächlein glänzenden, braunen Lacks, unter einem dahinschwamm.
Vermutlich war ich zu schwer, als das er mich hätte davon tragen können. Unter Ignoranz dem Bach gegenüber, zog ich die Beine an, drehte meine Hüfte auf die Schienenbeine ohne mit dem Schädel den Kontakt zum fließenden Parkett zukappen – Ich muss wie ein betender Moslem ausgesehen haben – stemmte meine Hände samt den angewinkelten Armen auf die Bachoberfläche, holte tief Luft und stieß mich ab. Mein Oberkörper durchzog eine Welle der Muskelanspannungen, bis ich aufrecht da saß. Mitten im dahin schmelzenden Flur.
Am Ende war doch wieder alles normal. Der Bach kam zum Stehen, genau wie ich, auf meinen eigenen Beinen. Darum schnappte ich mir meine Tasche, sah mir, mit einem recht verächtlichen Blick nochmal die nassen Flecken an der Tapete an und lies sie hinter mir.

Kapitel 4
Ein kurzer Aufenthalt in einer mittelmässig großen Fütze reicht meistens schon aus um seine Kleidung zumindest anzufeuchten. Was für ein unfassbares Glück das Sommer war, mir der Schweiß ohnehin schon den Rücken komplett benässt hatte und ich in Seelenruhe halbnackt durch die Wohnung spazieren konnte, auch wenn ich Spaziergänge dieser Art nur auf mein Zimmer begrenzte.
Abgesehn von den abnormen Voreignissen, war dieser Nachmittag doch genauso wie die anderen Nachmittage meines Lebens. Bestehend aus einem, zumindest von mir minimal eingeschätzten, Hausaufgabebündel (deren wahrer Sinn wohl nur dem Verfasser solcher abstrußen Formulierungen vorbehalten schien), dann noch einem selbstkrierten Mittagessen, das meist aus Haferschleim, stilvoll serviert in einer mit zartem Zwiebelmuster dekorierten Keramkikschale und einem Edelstahllöffel, bestand, sowie einer gehörigen Portion Langeweile, die ich meist in meinem Zimmer absaß, setzte sich ein alltäglicher Nachmittag meines stupiden Lebens zusammen.
Haferschleim und Hausaufgaben waren bald erledigt, und nach einem Blick auf den kleinen Wecker der in den chaotischen Haufen meines Schreibtisches fast perfekt versteckt war, wurde mir klar das es wieder einmal einer der Nachmittage war an denen man viel zu früh merkt das man eigentlich viel zu viel Freizeit hat, folglich nicht weiß etwas damit anzustellen und somit droht im See der großen Langeweile zuversinken. Also spielte ich, um wenigstens einen geringen Teil der Zeit tot zuschlagen, den Streber der bereits 14 Uhr den Rucksack für den kommenden Schultag packte. Alles blanke Routine, die unnötigen Bücher raus und die nötigen wieder rein, bis zu dem Punkt an dem man einen in sachtes Gelb gefassten Brief an ein dickes Buch geknüpft, aus der einer entlegenen Ecke des Rucksackes zieht, das Bündel verwundert an sieht, aufsteht, es verwirrt zum Bett trägt, sich mit ihm auf selbiges setzt und den Brief vom Buch löst um ihn zuöffnen.
Genauso wenig aufklärend war der Brief in sich. Man konnte ihn in einem Satz zusammen fassen. “Hallo, hier ein Buch, das ich dir schenken will, weil ich dich so toll finde, mich aber nicht traue dich anzusprechen, und du kennst mich auch nich, deswegen verabschiede ich mich mit Ms. Anonym.”
Der Sinn dieses Satzes wurde in einer sehr blumigen Schrift und Ausdrucksweise auf 2 Seiten karierten Papier dem Leser ausgedehnt unterbreitet.
Obwohl dieser Brief im Groben nur diese subtile Nachricht inne trug, las ich ihn mindestens 5 Mal, ich verinnerlichte ihn gnadenlos. Bald konnte ich ihn fast auswendig und verstand ihn ja doch nicht. Warum sollte mir jemand so einen Brief zukommen lassen? Den ersten Gedanken verschwendete ich natürlich an die Idee, es könnte ja ein Scherz auf meine Kosten sein. Aber warum war dann das Buch mit dabei? Der zweite Gedanke ging für “Vielleicht bin ja nicht ich gemeint.” drauf. Sollte dies des Rätsels Lösung sein? Es klang doch sehr einleuchtend, wenn man bedachte das ich weder einer dieser atlethischen Highclass-Schönlinge war, noch zum Kreis der Beliebten und Eingeweihten gehörte. Ich gehörte zu der unklar klassifizierten Masse, die einzig und allein dazu vorhanden und verdammt war die Gänge der Schule mit Atmosphäre zu füllen, die die High Society täglich brauchte um ihr übliches Theater glänzend inszenieren zukönnen. Doch in Anbetracht der friedlichen Zeit die ich durch meine Aufgabe, aus dem im Gang Rumstehen bestehend, verbrachte, war ich ganz zufrieden und hätte mir keine Veränderung wünschen wollen.
Ich beschloss mich mit dem Gedanken anzufreunden, das die Nachricht den Absender bei mir verfehlt hatte, sodass ich den Inhalt auch nicht weiter ernst nahm, aber was sollte jetzt aus dem beigelegten Buch werden? Diesbezüglich schloss ich mich der Meinung an, man solle Geschenke doch aus Höflichkeit behalten und nicht zurücksenden, und nahm das Buch zur Hand sowie unter Betrachtung. Es war nicht besonders Schmuckreich gestaltet, nur die scheinbar einstmalig goldenen Lettern auf dem, in verblichenen schwarzen Stoff gehüllten, Buchrücken, liesen einen Versuch der Verzierung erahnen. Trotz ihrer kaum leserlichen Zerkratztheit, kamen die Lettern ihrer einstigen Aufgabe, der dezent informativen Präsentation des Buchtitels, nach und wiesen mich daraufhin das es sich um das Werk “Jack in the box” handelte. Für mich gänzlich unbekannt, konnte ich anfangs keine rechte Neugier auf es entwickeln, und legtes es zur Seite. Frei vom Aufwand des Betrachtens wanderten mein Augenpaar von der Position des schlichten Papierbündels auf dem Bett, nunmehr langsam und unkonkret suchend die mit Rauhfasertapete überzogenen Wände entlang. Es wurde langsam spät. Das merkte man auch, ohne einen Blick auf die Zahnratmaterialisierung namens Uhr zuverschwenden, indem man dem besonders Rothaltigen Farbspektrum des, durch das offene Fenster flutende und sich auf den Wänden ergiesende Sonnenlichts, Beachtung schenkte. Mein Augenpaar vollendete soeben den Rundblick und die unbewusste, visuelle Inventur meines Zimmers mit einem finalen Anblick meiner von mir gestreckten Füße und dem umrahmenden Auschnittes des Bodens, als ich meinen Kopf aus dem Sumpf der Gedankenlosigkeit streckte und mit noch vernebelter Wahrnehmung feststellen musste, in was für ein Chaos aus gleisendem Licht sowie Halb- und Vollschatten, gemalt mit einer nahtlos in einander übergehende Farbpalette von brennenden Feuerrot bis fröhlich-saurem Zitronengelb reichend, ich durch tatenloses Herumsitzen geraten war. Breite hell auflodernde Streifen verbrannten das Mobiliar zu beiden Seiten des Fensters bis tief in den Raum hinein und wirbelten in trügerisch schleichender Langsamkeit die hintere, unmöblierte und somit gänzlich weiße, Wand entlang. Ein weiterer etwas breiterer Streifen, jedoch aus blanker Finsternis bestehend, kroch mittig vom Fensterbrett und angrenzenden Tisch durch den Raum, über den mit Teppich bezogenen Boden, sachte an der Möblierung nagend, hin zur Wand und dem Licht von unten her entgegen. Im Schmelzpunkt von Licht und Finsterniss entbrannte ein lautloser, unbarmherziger Kampf um die Territorialherrschaft auf dieser Wand. Nur wer genauere Messungen vornahm, hätte feststellen können, das die Finsterniss drauf und dran war, die lodernde Macht des Lichtes zu überrennen, aber dem ungeübten Beobachter würde erst beim entgültigen Sieg auffallen, das die Finsternis doch alle Qualitäten eines schleichenden Todes erfüllen könnte, wenn sie denn nur noch tödlich wäre, wessen sie sich aber niemals bewusst werden würde, solange nur jeder fein brav den Mund halten würde.
Die Finsternis in ihrer Unkenntnis belassen, schien sie mir und anscheinend auch dem Licht, nicht besonders gefährlich, sodass das Licht freiweillig das Gebiet räumte und die Finsternis einmarschieren konnte und sich nun fast rasend ausbreitete. Schonbald füllte sie das ganze Zimmer, doch das wurde mir dann doch etwas zu herschsüchtig und so war der Weg zum Lichtschalter schnell absolviert und die Verwendung der Funktion des Schalters zur Anregung der Glühbirne zur Erzeugung künstlichen Lichts, ebenso. Als die Finsterniss erkannte, wie schwer sie es doch hatte, nun einem so willensstarken Gegner gegenüber gestellt, arrangierte sie sich mit dem Licht und das Zimmer wurde Brüderlich aufgeteilt. Die Ecken, Spalte und Freiräume hinter den Dingen wurden nun von der Finsternis regiert. Wenn man allerdings bedenkt, dass das Licht numehr den Hauptteil des Zimmers in Beschlag nahm, konnte man doch beruhigt annehmen, dass die Finsterniss, aufgrund ihrer eigenen Dummheit sich zum Beispiel auf einen derartigen Kuhhandel einzulassen, wohl nie irgendwleche tödlichen Qualitäten entwickeln würde. Aber nicht das ich darüber sonderlich traurig war, ich hatte noch nie sonderlich viel Sympathie für das schwarze Kontra. Wenn man so darüber nachdachte, und in seinem Inneren ein wenig die Haufen umschaufelte, konnte man doch zumindest ein wenn auch minimales Interesse an der schwarzen Seite erkennen, aber vielleicht wurde dort eine andere schwarze Seite gemeint, wer weiß das schon zusagen.
Meine Augen hatten sich nicht so recht mit der Finsternis anfreunden könne, aber das Licht war ihnen noch als vertrauter Freund bekannt, und so hiesen sie es überglücklich wilkommen und sandten Botschaften durch die Synapsen und Nervenstränge hin zum Hirn, das sie doch die Aufmerksamkeit der Anwesenheit ihres alten Freundes mit einer Tätigkeit zelebrieren wöllten. Das Hirn zögerte nicht lange und sandte wiederum Kommandos und Befehle hin zum rechten Arm, der sich streckte und seidwerts wand, um den Weg für die wichtige Aufgabe der Hand und Finger zuebnen, sodass diese sich öffnen, und folglich wieder schliesen konnte, und zum Finale hob der Arm die Hand, ein Buch festumschliesend, in Höhe der Augen, die noch nie eine derartigen Vorfreude verspürt hatten.
Dieses kribbelnde Gefühl, kurz vor etwas zusein, etwas neuem, ganz kanpp davor etwas neues zuentdecken. Es strömte aus dem Zentrum in der Bauchregion durch meinen gesamten Körper und flutete, begleitet von einer Gänsehaut, jeden erdenklichen Winkel meiner Gestalt. Es war ein herliches Gefühl, das muss ich zugeben. Ich hatte soetwas lange nicht gefühlt, ich hatte schon längst vergessen das es dergleichen gab, aber jetzt war es wieder ausgebrochen, und brachte unerwartete Glückseeligkeit mit sich, die sich meiner Stimmenbänder bediente und durch kurze, fast manisch klingende Lachsalven Freigang verschafte. Es muss verrückt ausgesehen haben, wie da ein halbnackter Junge mit einem Buch in der Hand auf dem Bett saß und schallend lachte. War da jemand der es hätte beachten können? Unwahrscheinlich. Da war nur ich, das Buch und die Vorfreude.

Kapitel5
“In dem Fass war es dunkel und es roch leicht nach altem, von Würmern für gut befundem Holz. Dennoch war es sehr stabil, nur ein paar Späne bröselten vom Rand als ich über ihn hinweg in den Bauch des Fasses stieg. Als meine Füße auf dem festen Holzboden standen, konnte ich gerade noch so über den Rand des Fasses hinweg schielen, ein letzter Blick bevor ich mich auf dem schumrigen Boden setzte und mich mit dem Rücken und den Füßen gegen die Innenwand stemmte. Trotzdem das hellichter Tag war, und ich oben über mir den blauen Sommerhimmel sah, war es doch bei mir hier unten, im Fass, angnehm duster und gemütlich. Die Sonneneinstrahlung hatte das dunkle Fass angenehm temperiert. Es war wirklich gemütlich hier unten, man hörte das hysterische Rascheln der Blätter, wenn der Wind an Ihnen vorbei schritt und die Vögel sangen die Lieder, die trotz ihrer so offensichtichen Monotonie und unzähligen Wiederholungen immer wieder eine neue Nuance aufzuweisen schienen, sodass es nie wirklich langweilig wurde ihnen zulauschen und sich dieser Atmospherik hinzugeben.
Ich schloss meine Augen, und ein Lächeln, geprägt von unendlichem Glück, floss auf meine Lippen.”

Es war keine Geschichte von unermesslichem kulturellem Wert, wahrscheinlich nicht mal in jeder Bibliothek erhältlich. Dennnoch rührte die Geschichte von Jack's Reise etwas in mir, nur konnte ich nicht genau darauf deuten. Während ich las, passierte etwas, das ich noch nie zuvor erlebt hatte. Mein Blick auf die Wörter, Sätze und Zeilen gerichtet, verschwanden die Konturen meines Zimmers immer mehr bis ich als stummer Beobachter neben dem Geschehen der Geschichte stand. Es war als könnte ich das Geschehen auf irgendeine Art beinflussen, aber wenn ich meine Stimme erheben wollte um den Verlauf der Dinge zuändern, blieb ich stumm, und spürte den Wunsch nach Worten im Hals sterben.
Als ich das Buch nach dem letzten Satz schloss und somit aus der Geschichte heraus in die Realität und mein Zimmer zurückkehrte, war da nichts. Einfach nichts. Nirgends war ein Geräusch zuhören, nirgends eine Bewegung zu sehn, es war ein Moment aus vollendeter Ruhe und Stillstand. Es war als wäre alles in diesem Moment angehalten wurden, fast wie in einem dieser Science-Fiction Filmen, die ihr ganzes Budget lieber in die computer animierten Spezialeffekte anstatt in ein gutes Storybook verwendet hatte.
Ich fühlte mich in diesem Moment direkt in einem dieser 20.000 Dollar Spezialeffekte, ich war gnadenlos überwältigt wurden und traute mich jetzt nicht, auch nur einen Mucks von mir zugeben oder aufzustehen. Drum schloss ich einfach nur die Augen. Da tanzten Bilder vor mir in der Dunkelheit, aber sie tanzten so wild und farbenprächtig umher das ich keinen klaren Blick erhaschen konnte. Sie tauchten auf, verformten sich in unglaublichen Windungen schierer Ecstase und verschwanden noch im selben Moment. Es waren alles nur einzelne Stränge, nur wenige Zehntelmilimeter breit, aus schillernden Regenbogenfarben gestickt, die sich wie ein Spektrum aneinander schmiegten und gemeinsam das unglaublichste Bild grandioser Farbenpracht darboten.
Einher ging ein neues Gefühl, als würde mein Geist versuchen sich aus der Umklammerung des Schädels zulösen und durch die Stirn zu entfliehen, einfach wie ein Vogel davon zu fliegen. Aber irgendwie kam er nur bis kurz vor meine Stirn und blieb dort in schwebender Position.
Ich war ein kleiner Teil einer großen Stille, der immer mehr in diesem riesigen Klumpen, wabernder Tonlosigkeit, untergehn würde, bis er gänzlich verschlungen, integriert und zum Schweigen gebracht war. Aber so weit kam es nicht. Die Stille langweilte mich immer mehr, und ich öffnete die Augenlieder, blinzelt verschlafen zur Tür, die mir in diesem Moment gegenüber lag, und setzte mich mit einem Ruck in Bewegung, hin zur Mitte meines Zimmers, und stand eine Weile im Lichtkegel meiner Hängelampe. Ich streckte meinen Körper ein paar mal, und blickte zur Uhr, die mir verkündete wie lange ich für das Buch gebraucht hatte. Es waren knappe 3 einhalb Stunden geworden, die ich da, völlig in die Geschichte versunken, auf meinem Bett, in halb liegender, halb gehockter Haltung verbracht hatte. Nach einem kurzen Moment des Zweifels, wie ich denn solange am Stück hatte lesen können, wies mich das Knurren meines Magens auf offensichtlich wichtigere Fakten des Lebens hin und meine Füße schritten, vom Hirn angespornt, mit mir durch die Tür in den Flur, um die Wasserflecken herum, links ins Wohnzimmer, dann nach rechts, entlang der mit billigen Brauntönen überzogenen Couch, zur Küche. Im schumrigen Licht der Dunkelheit tastete ich mich durch die länglich, nach links reichende Küche, entlang der Spüle, des Herdes, immer weiter nach links, bis zur Wand. Sie schloss ein Fenster in sich ein, durch das ich hinaus auf die Strasse blicken konnte. Dort unten brannte keine Strassenlaterne. Die wurden in unserem Viertel alle nach 11:30 Uhr oder so abgeschalten – Stromsparmaßnahmen oder sowas. Aber vermutlich war das schon ok so, denn wer war um alles in der Welt an an den Wochentagen noch um diese Uhrzeit in diesem Viertel unterwegs? Okay da lief jemand, und hinten beim Kramerladen an der Ecke auch. Aber das waren doch nur Ausnahmen, die man nicht in eine so wissenschaftlich und durch faktische Beweise begründete Behauptung hätte einbinden können. Es waren eben diese Ausnahmen, diese 2%, die zur Abrundung des Messergebnis irgendeiner intelektuellen Studie einfach zu der Masse gezählt wurden die ganz klar als Mehrheit dastand. Diese Mehrheit war nun eben gerade die Masse, die entweder hinrtot und mit offen hängendem Mund vor dem Fernseher couching betrieb, oder zum Beispiel auf grund ihrer Arbeit nicht mehr zu solchen Leistungssport fähig war, sondern nur noch schlafen wollte.
Das hier war der Rand des Arbeiterviertels zum Stadtzentrum. Viele waren der Meinung, dass das der Grund für die “Stromsparmaßnahmen” war. Aber in der näheren Erklärung der Ursache für diesen Grund schieden sich die Geister. Eine große Anzahl der Arbeiter meinte natürlich, dass das reiche Zentrum den Strom diesem Viertel nicht gönnen wöllte, obwohl es täglich hart dafür arbeitete.
Die Arbeiter die noch einen Funken länger über diese Thematik nachdachten, kamen zu einer interessanten Idee: Vielleicht wurden die Laternen auch nur abgeschaltet, damit sie und die tausenden Fernseher die jeden Abend in diesem Viertel liefen keinen Stromausfall verursachten.
Ich schloss mich zweiter Meinung an, und musste immer lächeln, wenn ich vor unsrer kleinen Einkaufszeile an den Ständen der positionierten Arbeiter vorbeilief und die Banner las, mit denen sie für genauso viel Strom wie im Zentrumsviertel demonstrierten. Als diese Arbeitergruppe damit anfing, blieben zunächst noch einige Leute an dem Stand stehen und liesen sich “informieren”. Aber heute waren sie für die Passanten eigentlich nur noch Teil der Fassade des Kleidungsmarktes hinter ihnen. Aber sie gaben nicht auf und demonstrierten weiter. Irgendwann hatte ein älterer Mann versucht ihnen zu erklären, das jedes Viertel doch gleich viel Strom erhalten würde. Er hatte sich sogar als Mitarbeiter im Kraftwerk ausweisen können. Aber die Männer schenkten ihm nur kurz Beachtung, und so drehte sich der Mann, nach diversen Argumentationsversuchen, die ins Leere flossen, um und entfernte sich aus der Reichweite des kreischenden Megafons eines Arbeiters.
Das war der Kampf um Stromgleichberechtigung.
Ich wurde von dem flackernd gelblichen Licht einer zündenten Laterne zurück geholt. Ich musste unweigerlich lachen als mir ein Gedanke durch den Kopf schoß. Da diese Laterne leuchtete, hieß das doch wohl, dass gerade ein Fernseher ausgeschalten wurde und das diese Familie auch gleichzeitig schlafen gegangen sein musste, sodass also genügend Strom da war, um eine weitere Laterne zünden zukönnen.
Ich griff nach dem Griff der Kühlschranktür, zog sie auf. Das Licht im Kühlschrankinneren war kurz bevor ich hinein blicken konnte angesprungen und erzeugte nun ein leichtes Flackern der Strassenlaterne draußen vor dem Fenster. Einstmals war das Innere von einem sterilen weiß gekleidet, das sich aber während des Davonlaufens der Zeit immer mehr in ein milchiges Parafinweiß gefärbt hatte. Es sah nicht wirklich wiederwertig oder abstossend aus, ich schenkte diesem Detail so selten genug Verachtung als das man es als auffallend wiederlich hätten einschätzen können. Hinten an der Innenwand schienen massige Kondenstropfen ihren Weg der Schwerkraft Recht zutun, aber jedesmal wenn ich hoffte sie würden endlich fertig mit dem Fliesen, merkte ich das sie niemals fliesen würden. Ich erkannte erst später das es dichte Eistropfen waren.
Ich denke mit samt dem selten kompletierten Inhalt wirkte der Kühlschrank wie ein waschechter Studentenkühlschrank. Nicht wirklich sauber, und nie wirklich voll.
Letzterer Fakt wurde mir jetzt schmerzlich bewusst. Ich hatte vergessen einkaufen zu gehen, und jetzt war da nur ein verstümmelter Kanten Käse der schon von den ersten ausserkäsischen Lebensformen besiedelt wurde, sowie eine Tube von Colman 's Senf, der eigentlich ganz lecker ist, aber nur wenn man etwas hat das man zu dem Senf essen kann, was jetzt leider nicht der Fall war.
Also wurde die Kühschranktür wieder zu gemacht, den Blick über den Rest der Küchengarnitur ziehen lassen, eine Müslipackung gefunden, sie für gut befunden, gegrabscht, und mitgenommen.
Ich war schon in meinem Zimmer angekommen als ich merkte, dass die Packung leider kein Müsli mehr enthielt. Sie war viel eher schon als Ausweichmöglichkeit des Mülleimers verwendet wurden. Also wieder nichts zu essen. Aber morgen dann.
Mein Blick zog nochmal kurz zur Uhr, die mir verkündete das es schon spät genug war um den Wachbetrieb einzustellen und ins Bett zu gehen. Es war eigentlich ein Wunder das meine Augen noch zu sowas fähig waren, da sie drohten, jeden Moment zu zufallen und mich im Dunkeln tappen zulassen, ich glaube das nennt man dann Dienstverweigerung.Aber meine Augen waren diszipliniert und hielten es aus, bis ich im Bett lag, und der Befehl zum Schlafen vom Hirn in alle Regionen des Körpers ausgesandt wurde. Dann dauerte es auch nicht mehr lange und alles wurde Dunkel.

Kapitel6
Der Übergang von bewusst gefühlter Dunkelheit in die Dunkelheit eines Traumbeginns ist selbst bei gutem Vorsatz kaum wahr zunehmen. So ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, so ein kleines Stück an Zeit, weniger als ein Augenschlag, entscheidet über den Verlauf eines Traumes. Ob gut oder schlecht, ob von Glückseeligkeit, Freude und Liebe oder doch von Hass, Angst und Tod angefüllt, darüber wird in diesem kleine Moment von den Alben entschieden. Wenn ihr Glück habt schenken sie euch einen guten Traum, wenn nicht, dann seid euch gewiss, das es eine kurze Nacht werden wird.

Es war dunkel, und ich konnte sie reden hören. Es war ein Schnattern sondergleichen. Nicht wie das von den Enten im Park. Es hatte viele knackende, kratzende und sogar pfeifende Laute, die in ihrer fliesenden Darbietung mich an nichts bis her Gehörtes erinnern konnten. Es war komplett neu für mich, die verwendeten Laute in so einer Komination udn Flüssigkeit zuhören. Damals verstand ich kein Wort, ich merkte nur das sie wussten, dass ich sie hören konnte, und dass sie das in nur noch hektischere Schnattertiraden ausarten ließ. Da verstand ich noch nicht was das zu bedeuten hatte, und war mir nicht einmal dem so ausserordentlichen Phänomens bewusst, das sich mir darbot.
Mit einem finalen und schlagkräftigen “ssschnack” beendete eines dieser Wesen die eilige Beratung und von da an herrschte Stille in der Dunkelheit. Aber die blieb auch nicht mehr lange. Denn das Schwarz der Dunkelheit verschwamm zu einer morschen, schiefrigen Maserung. Von Oben stachen mit einem mal Lichtstrahlen hervor und flossen mir um meine Augen und Wangen. Es war so angenehm warm, wie die vorsichtige Berührung einer Hand, die mit ihrer zärtlichen Berührung auf Liebkosung bedacht war. Der Geruch von reiner, klarer Luft vermischte sich mit dem Duft von Holz, Blüten, Wasser und der Sommerwärme.
Ich packte den Rand und zog mich zu ihm heran, nach oben, zur Fassöffnung und sch on war mein Kopf im Freien. Ich lies meinen komplett verdutzten Blick über dieses wunderschöne Bild so satter Farben und simpler und doch perfekter Formen wandern. Der sacht wehende Wind, sträunte durch das Gras der Wiese dem Waldrand entgegen, und lies das Blattwerk nur einen kleinen Augenblick erbeben, um dann in gesetztem Eifer wieder davon zu stieben. Die raschelnden Blätter tuschelten aufgeregt, als sie von dem ungerwarteten Gast erfasst wurden. Ihr leises Geraschel vermengte sich mit dem fröhlichen Geplätscher des Wassers, wie es springend und tanzend über die Steine des Flussbetts dahinschnellte. Der kombinierte Duft aller anwesenden Dinge war ausserhalb des Fasses im ersten Moment überwältigend und flutete mit jedem Atemzug den ich machte, meine Nase, meinen Hals und Lungen. Ich hatte das Gefühl, meine Atemwege würden von all dem Dreck und Schmutz der sich Tag für Tag dort angesammelt hatte, gereinigt werden.
Alles an diesem Ort war mit einem glänzenden Hauch unterlegt und umweht. Und selbst ich wurde von diesem magischen Glitzern erfasst und lernte, als ich aus dem Fass heraus auf die Wiese schwebte, Gebrauch von diesem Wunder zumachen. Kein Gewicht, keine Last zogen mich wieder zum Erdboden. Ich hätte auch weiter schweben können, aber als ich auf dem Erdboden aufsetzte, sproßen aus den Sohlen meiner Schuhe, eifrig kleine Wurzeln hervor und gruben sich mit nie gesehener Biegsamkeit in den lockeren, niemals geschändeten Erdleib. Nur geringe Beachtung kam diesem kleinen Wunder bei, da ich von der mich umgebenden Schönheit gefesselt so sehr gefesselt war, das mich ein leichter Taumel überfiel. Ich streckte meine Hände nach allem aus, was in meiner Nähe war, und jede Berührung wurde durch das Spriesen von Ranken aus meinen Fingerkuppen stabilisiert. Löste ich die Berührung, lösten sich auch die Ranken. Ging ich mit wagem Schritt vorwärts, so lösten sich die Wurzeln zu meinen Füßen und sproßen neu, als sie wieder Boden fassten. Mit jedem Schritt, mit jeder Berührung spürte ich die konzentrierte Kraft die hinter dieser ruhigen, stillen Kulisse, reinster Natur, verborgen lag.
Ich wanderte auf der ganzen wiese umher. Aber nie war das Gras in meiner Spur platt udn nieder getrampelt. Es beugte sich unter meinem Schritt und errichtete sich neu, wenn ich meinen Schritt fortsetzte. Nichts wurde zerstört. Nichts kam zu Schaden, Leid oder Pein. Da stob ein neuer Windstoß auf, begann seinen Ritt über den Fluss, die Steine, das Gras der Wiese, hin zum Waldesrand um mit den geschwätzigen Blättern Spässe zutreiben. Auch an mir ritt er vorbei, fasst mich, wühlte sich durch mein Haar, prallte gegen meine Front, so dass ich mich im beugen und rücklings, wie das gras um mich herum, biegen musste. Da war kein Schmerz, keine Anstrengung dabei. Meine Füße waren fest im Boden verwurzelt, doch meine Beine, meine Hüfte und mein ganzer Oberleib wanden und bogen sich unter der dem Ritt des Windes. Ich schloss meine Augen und lies es bereitwillig geschehn, ohne auch nur einen Moment an Gegenwehr zudenken. Ich war Gras geworden. Gras, das sich im Wind wiegte, schaukelte und nach der Böhe stolz wieder aufrichtete.
Auch dieser Ritt war schnell vorüber und wir richteten uns auf. Kerzengerade warteten die anderen auf den nächsten reitenden Wind, denn er würde sicherlich kommen. Ich setzte meine langsamen Schritte fort und wanderte bedächtig hin zu dem mit großen und kleinen Steinen gepflasterten Ufer. Da gab es eine Grenze zwischen dem Gras und den Steinen. Ich zögerte einen kurzen Moment, verabschiedete mich von meinen Kameraden und tat den Schritt um die neuen Kameraden kennen zulernenn.
Ich hockte mich neben sie, sah sie an, bewunderte ihr Fell aus grünem Moos, ertastete ihr raues Wesen. Kaum spürte ich ihre rauhe Haut da verband uns schon ein Strang aus gleichem Stein, der meinen tastenden Finger ganz umhüllte. Ich legte meine gesammte Hand auf den Stein, und sie wurde abprupt zu selbigen. Sie wurde spröde, gräulich mit kristallenen Flecken besprengt, und trotz ihrer Starrheit, blieb sie geschmeidig zubewegen. So löste ich sie wieder, und erhob mich aus der Hocke, um meinen verwurzelten Fuss aus dem Land der Gräser in das Land der Steine zu setzen. Er wurde auf gallante Art empfangen. Eine Schicht besonders stark funkelnder Quarze und Granite umschloss ihn gänzlich, und gewahr mir so den Halt den ich benötigen würde um die gelegentlich unwegsamen Steine zubewandern. Jeder Schritt, von helfender Stabilität umhüllt, leiteten mich die Steine zu ihrem König, der mit mächtiger Erhabenheit über allen trohnte und weithin seiner Größe sichtbar war. Ich stoppte meinen Schritt, doch die Steine forderten mich auf weiter zugehen, und der König bat mich doch Platz zunehmen. Seine Einladung führte mich auf seines Krone, wo ich mich in noch unsicherer Gelassenheit niederlies. Als bald verstummte das Volk der Steine und ich verstand was sie taten. Sie lauschten ihrem geschwätzigen Freund dem Bach, der neben dem Königreich herplätscherte. Auch ich wandte mich nun dem Bach zu und lauschte seinen eifrigen und gelegentlich hektischen Erzählungen, über fremde Täler.
Er war schon durch viele wunderliche Täler geflossen, hatte schon viele grandiose Dinge auf seiner Reise gesehn, hatte viele wunderschöne Wiesen, Wesen und Wälder passiert. Er war wirklich weit herum gekommen. Doch trotz seiner enthusiastischen Auschweifungen kam er stets zu dem Schluss, das doch kein Tal schöner wär als dieses hier. Aber irgendwann verfiel der rauschende Bach darauf dem Stein König Komplimente vor zu plappern. Der König lauschte mit Freude diesen Schmeichelein und lachte bei jedem neuen Kompliment beherzt auf.
Doch ich wand mich ab, richtete mich auf und fand meinen Stand auf der kahlen Höhe des Stein Königs. Ich konnte sein Königreich überblicken. Konnte jene Grenze zum Reich der tausend Gräser sehen. Dann wand ich meinen Blick zum Himmel, der ganz in Blau getaucht war. Nur wenige weiße Fahnen sammelten sich an einzelnen Flecken. Die gelbe Sonne wagte einen sachten Blick über den Rand der Baumwipfel, und streichelte Sanftmütig mit ihren hellen warmen Armen über das Gras, die Steine, den Bach, die Bäume, die Erde, mich und die Luft.
Ich streckte ihr meine Hände entgegen, da lösten sie sich in orangen strahlendes Licht auf. Langsam lösten sich meine Arme, Schultern, mein Oberkörper, meine Beine und zum Schluss mein Kopf samt dem Gesicht in das warm glänzende Licht auf.
Ich erfasste die mir entgegen gestreckte Hand und ich wurde empor gezogen. Die Sonne nahm mich in ihre sanfte, warme, fast mütterliche Umarmung.
Der Stein König war der Komplimente noch lange nicht überdrüßig und lauschte lieber dem Bach, als zu bemerken wie ich als warmer Lichtstrahl verschwand.
Hinter mir spürte ich den heranbrausenden Sturm des Windreiters. Ich wandte mich um. Er ritt gerade auf mich zu, in vollem Gallop, kein Anzeichen, das er bremsen würde. Er bremste auch nicht. Er bretterte einfach weiter, durch mich hindurch. Er durchteilte meine fiktive Masse wie ein Atemstoß eine dickdunstig, graue Rauchwolke, und hinterlies ein recht seltsames Gefühl in mir. Er bemerkte nicht mal, wie brutal er da überhaupt vorging. Das machte mich zornig, nur einen kleinen Moment, in dem ich seinen Kragen packte, ihn zu mir zog, er mich zu sich zog, er mich hinter sich her schliff. Er zog mich quer über das Reich der Gräser, und er bemerkte mich immernoch nicht. Er realisierte nicht das ihm da ein Lichtstrahl auf der Folge war. Ein Lichtstrahl der penetrant an jeder seiner Bewegungen haftete, wie ein Schatten aus Licht.
Wir näherten uns dem Ende des Sturms, als ich begriff das er mich nicht sehen würde und ich ihn folglich auch nicht für sein Verhalten hätte zur Rechenschaft ziehen können.. Mit dieser Erkenntnis entlies ich ihn aus meiner Klammerung, es hätte ja doch keinen Sinn, und lies mich aus dem Sog des Sturmreiters in den windstillen Luftraum fallen. Und ich begann zu stürzen.
Ich fiel wie Einer des Steinreiches, plump und gewichtig, hin zu dem unter mir gelegene Reich der Gräser, dessen Volk sich mir jubbelnd entgegen streckte und mich mit ihrer scheinbar grenzenlosen Gastfreundlichkeit empfangen wollte.
Kurz vor meinem vermutlich hartem Auftreffen und beim ersten Kontakt mit der vor Freude tosenden Menge, bremste mein Fall abprubt in ein sanftes Sinken ab, und die Gräsermasse bildete liebend gern ein weiches Wiesenbett unter mir.
Wieder wunderte ich mich wie diese kleinen Wesen so eine wahnsinnige Tat vollbringen konnten. Ich dachte darüber, blickte dabei gegen den Himmel und gegen das Licht der Sonnenscheibe, das mich blendete udn ich folglich die Augen schloss. Da spürte ich etwas an meinem Rücken. Ich spürte einen kleinen Halm der behutsam gegen meinen Rücken presste und mich nach oben drückte. Aber da war nicht nur dieser einzelne Halm, da waren zehn, fünfzig, hunderte, tausende, hunderttausende, oder vielleicht doch unendlich viele Grashalme unter mir. Alle waren bestrebt, mich zutragen, mich vom Boden hoch zuheben. Und tatsächlich, ich lag keineswegs auf dem blanken Erdboden, sondern auf einer dünnen aber weichen Matte aus Gras, die mich mit beruhigend, schwankenden Bewegungen in den Schlaf schaukelte.
Und alles begann von vorn. Ich merkte nicht wie alles um mich unwichtig wurde. Spürte nur noch die wiegende Bewegung der Gräser und irgendwann nur noch das Gefühl von wärmender Geborgenheit. Ich lies mich bereitwillig von der Dunkelheit überfluten und forttragen. Zurück auf die andere Seite.

Kapitel 7
Dunkelheit hat eine enorme Wirkung wenn sie in der Gruppe auftritt. Wenn sie uns als Rudel überfällt und komplett umschließt. Wen erfasst da nicht diese panische Klaustrophobie, die Angst vor dem letzten, heimlichen Atemzug, die uns die Kehle zuschnürt und dem vermeintlichen Finale näher bringt als uns je lieb ist.
Ist es die Angst vor dem, uns demonstrativ entgegen gestreckten Nichts, die unser Herz in Sehnsucht um die eigne Existenz rasen und erbeben lässt? Ist es der Wunsch nicht allein zu sterben, der unserem Körper den Befehl gibt zu rebellieren, bis jede Reserve in sinnloser Anstrengung verpulvert ist?
Oder ist es der Wunsch nach Linderung der Qualen, der Wunsch nach einem schnellen Tode, frei von Schmerz.
Was es auch veranlasst, dass wir um unser Leben weinen möchten, hier in der Dunkelheit zwischen den Welten fehlte es. Ich spürte keine Angst um mein Leben, keine Panik, keinen Schmerz oder Verzweiflung. Da war nur grundtiefe Gleichgültigkeit. Nichts war von wirklichem Belang, nichts von überragender Gewichtigkeit. Da war einfach Nichts.
Außer einem kleinen Etwas. Es war mein Bewusstsein, mitten in diesen nichtsichtbarer Weiten, das erkannte dass es noch da war. Aber es erkannte auch dass der Rest fehlte. Der Körper war verschwunden, und durch die Dunkelheit ersetzt. Die Gefühle waren verschwunden und durch Gleichgültigkeit ersetzt. Aber das Bewusstsein über das simple Vorhandensein des eigenen Selbst, das war noch da, und nicht ersetzt wurden. Doch es war ersetzt wurden. Es war das Nichts geworden.
Ich war die Zone des Nichts. So nannte ich diese Welt später, als sich mein Bewusstsein wieder in das fühlende Sein zurückwandelte. Die Dunkelheit wieder meinen Körper preisgab und die Gleichgültigkeit wich. Da öffnete ich meine Augen, und sah meinen Raum. Die Konturen und Umrisse, von einer morgendlichen Dämmerung unterlegt, meines Zimmers und den Dingen die es bevölkerten. Ein träger Schmerz durchfloss meine Augenlieder und zwang sie, sich wieder zuschließen, sobald sie sich öffnen wollten. Ich wandte mein Gesicht fort vom Fenster, den Blick, fort vom Licht, hinein in die schattigen Regionen. Meine Hand griff nach dem Wecker auf dem kleinen Tisch neben meinem Bett und hielt mir die Uhr vor die immer wieder zufallenden Augen.
Es war 7.00 Uhr.
Um genau zu sein war es Dienstag, 7.00 Uhr in der Früh. Die Sonne schien mir penetrant durch das dafür viel zu große Fenster entgegen. Irgendetwas in mir regte mich zu einer Trotzreaktion an, und ich blickte ihr herausfordernd entgegen, musste aber nach einiger Zeit merken, wie meine Augenhölen anfingen zu schmerzen, und ich es deshalb aufgab und mich wichtigeren Dingen zuwand. Allerdings mussten diese wichtigen Dinge dann doch warten, da ich nur noch einen riesigen hellen Fleck sah. Um den Fleck herum konnte ich aber ein paar Fixpunkte meines Zimmers erkennen, und konnte mich so mit der Hilfe meiner ungefähren Ortskenntnis in diesem Raum schon einmal anziehen, und die Tür nach draußen in den Flur finden. Ab und zu schien mir als würde ein Gesicht in dem Fleck aufleuchten, aber da ich mich zu sehr auf den Bereich neben dem Fleck konzentrierte, achtete ich nicht darauf was das Gesicht da in dem Fleck mir für Fratzen schnitt. Da ich es wie gesagt kaum wahr nahm, ging ich routiniert, so wie jeden Morgen der Woche, den Flur entlang, kurz vor der Wand nach links, dann scharf rechts, an der Couch vorbei, durch den Türrahmen in die Küche, scharf nach links, vor dem Kühlschrank angehalten, und die Tür des Kühlschranks aufgemacht. Aus Mangel an Beachtung hatte ich keine Ahnung was mir das Gesicht auf dem Weg in die Küche hätte sagen wollen, aber als es mir jetzt aus meinem Kühlschrank entgegen grinste und dabei Blick auf sein zerlöchert, fauliges Gebiss freigab, war es mir immer noch nicht klar. Ich wusste nur, das ich jetzt sofort die Tür zuschlagen musste. Denn da war nicht nur das Gesicht, nein, es hing ein kompletter Mann an diesem Gesicht, mit Kopf, gebeugtem Oberkörper, angewinkelten Beinen, und vor den Knien verschrenkten Armen. Er war komplett von diesem farbigen Fleck umgeben und füllte mit seinem nicht gerade schmächtigen Körper den gesammten Kühlschrank aus. Der geneigte Leser mag sich jetzt vielleicht wundern, wie das denn vom Volumen eines Kühlschranks her ginge, einen kauernden Mann und diverse Lebensmittel in einem Kühlschrank so zu stationieren, dass man auch noch die Tür schliesen könnte. Aber wer einmal jemandem in seinem Kühlschrank sitzen hatte, fragt sich das nicht mehr, zumal ich nicht viele Esswaren darin gelagert hatte. Man denkt wirklich nur noch daran die Tür so schnell wie möglich zu schliesen, und somit auch den Blick auf dieses äusserst bizarre Bild, einen herzlich lachenden Mann, zu verdrängen. Ich hörte ihn wirklich lachen als ich die Tür zuschlug, und einen dumpfen Schlag als der Kühlschrank zu knallte.
Die Überraschung erlaubte es mir dann nicht mehr irgendwelche weiteren Aktionen auszuführen, so lehnte ich mich rücklings an den Kühlschrank und glitt langsam erschöpft nach unten. Ich saß eine Weile dort, verschnaufte und wartete das dieser Sonnenfleck in meinen Augen verschwand. Ich konnte das grinsende Gesicht noch in dem Fleck tanzen sehen, wie es mich auslacht und mir den Anblick seines faulen Gebiss' plank entgegen hielt.
Wer dieses Experiment mit dem Blick in die Sonne schon ein mal selbst ausprobiert hat, weiß das diese Sonnenflecken keine besonders große Haltwertszeit haben und bald schon wieder verschwinden. Das war ein wahres Glück für mich. Ich weiß nicht wie lange ich diesen Fleck und das hässliche Lachen noch ertragen hätte. Es bringt ja nicht einmal etwas, die Augen zu schliesen, das dürfte allerdings eigentlich jedem klar sein. Aber nun verschwand dieses bunt schimmernde Farbenspiel, und ich konnte wieder klar sehen.
Den Rücken an den Kühlschrank gelehnt, begann ich ruhiger zu atmen, und mein Herz fand auch zu seinem normalen Rhythmus zurück. Als ich aufstehen wollte, wankte ich noch einen Moment, das Adrenalien hatte meine Beine schwer werden lassen. Es würde ein paar unbedarfte Schritte brauchen, bis das normale Gefühl zurück kehrte und ich beim Laufen nicht gänzlich wie ein Idiot wirkte. Aber diese Zeit nahm ich mir nicht, sonder drehte mich zur Kühlschranktür, packte den Griff, zog kräftig daran. Die Tür glitt problemlos auf. Da war es. Dieses unvorstellbare Grauen, diese pure Perversion, eines leeren kalten Kühlschranks. Ok er war nicht völlig leer, aber abgesehn von den Milchkanistern, der Wurst-und Käseschachtel, war da kein zusammen gekauerter Typ, der mich angrinste.
In Anbetracht der vorran gegangenen Ereignisse, war ich kein bisschen traurig, dass er weg war. Ich war einfach nur erleichtert, atmete noch einmal tief durch und nahm einen Milchkanister. Ich hatte auch zum Glück noch eine Schachtel Müsli gefunden. (Bloss gut, dass Müsli nicht so schnell schlecht wird, ....glaube ich.)
Sicher war ich jetzt darauf gefasst, dass mir wieder etwas Irres passieren würden. Ich war auf einiges gefasst, aber nicht darauf das ich im Wahn purer Konzentration den Milchkanister vom Tisch stieß. Das Knallen der Plaste und das Plätschern der Milch rissen mich in einen Strudel hektischer Panik. Erst wurde mir nicht klar was passiert war, und ich zitterte in Erwartung irgendwelcher grausamen Dinge. Aber dann sah ich die riesige weiße Pfütze auf dem Boden und rannte nun schnell ins Bad um den großen Wischlappen zu holen. Es dauerte nicht lange, dann war der Fleck weg. Ein schwaches, aber trotzdem spürbares Deja vu überkam mich, und es lief mir eiskalt den Rücken runter. Mit der Errinnerung an den vorigen Nachmittag wurde das ungute Gefühl immer stärker und mich überflutete wieder ängstliches Zittern. Aber als ich nirgends eine dieser roten Hände entdecken konnte, dachte ich “Puh, Glück gehabt.”.
Dieser Morgen wurde mir unheimlich, also beendete ich das Frühstück in dem ich das Müsli ins Klo kippte, in mein Zimmer stürzte und mir meine Tasche schnappte. Mein Blick flog über das Buch auf meinem Nachttisch. Etwas in mir wollte es sofort mitnehmen, ein anderes Etwas meinte dazu “Aber das haben wir doch schon gelesen!?” Aber das erste Etwas sagte nur unbeeindruckt “Ja und? Lesen wir es eben noch mal.” Also schnappte ich mir das Buch und lief zur Garderobe vorne an der Wohnungstür. Meine Schuhe lagen immernoch wie gestern nachmittag da – chaotisch in die Ecke geschmissen. Selbst in der Eile band ich mir noch die Schnürsenkel ordentlich zu. Hoffentlich würde ich das in einem Brandfall nicht machen. Aber so lange dauerte es ja dann doch nicht. Ich griff kurz in meine Hosentasche, fühlte das zackige Metal meines Schlüsselbundes und die sanfte Weiche meines Taschentuchs. Ich zog die Hand wieder aus der Tasche. Die Tür war schnell geöffnet und nachdem ich hinaus in den Hausflur gegangen war, auch wieder schnell geschlossen. Allerdings etwas zu schnell, da ich mit der Hand vom Knauf glitt und die Tür ins Schloss knallte. Ich zuckte kurz zusammen, in Erwartung irgendeiner empörten Reaktion meiner Nachbarn, aber alles blieb ruhig. Also rannte ich zum Fahrstuhl, der auch schon mit offenen Türen, scheinbar nur für mich postiert, bereit war, mit mir runter in zur Eingangshalle zu fahren.

Kapitel 8
Die Schultasche locker über nur eine Schulter gehängt, lief ich durch die Straßen des Viertels, genau wie sonst auch jeden Schultag.
Von den Blocks durch die Alleen der kleinen Reihenhäuser, danach vorbei an den Schaufenstern und geschäftigen Treiben der Marketstreet, dann ein Stück durch den West-Pocket Park, und zu guterletzt noch das Regierungsviertel gestriffen und ich war da. Auf meinem Schulweg durchgequeerte ich fast die ganze Stadt, und brauchte trotzdem nie mehr als eine viertel Stunde. Vielleicht war unsere Stadt doch nicht so riesig. Aber groß genug um 3 stets gefüllte Herbergen und ein wohl florierendes Marktviertel zu besitzen.

An diesem Morgen schien es mir, als wären die Straßen, Gassen, Häuser, einfach alles, sogar die Menschen, in dieses gleißend goldenen Dämmerungslicht der Morgensonne getaucht. Stärker als sonst. Selbst in den verwinkelten Hinterhöfen der Marketstreet gab es kaum Stellen die nicht warm schimmerten. Als ich durch den West-Pocket Park lief, entfaltete sich der morgendliche Nebel und umspielte die goldenen Sonnenstrahlen mit Leichtigkeit und Anmut, tanzte zwischen ihnen empor. Die Strahlen kitzelten den Nebel hier und dort und trieben ihn zu verrückten Kreuselungen. Die Tautropfen auf den Pflanzen wetteiferten um den schönsten Glanz, versuchten sie doch alle so viele Lichtschimmer zu erhaschen wie sie nur konnten. Mir schien, als wäre ich den gesammten Weg über durch ein goldenes Seidentuch umhüllt, mit einem träumerischen Blick auf die Aussenwelt.
Aber auf sowas hätte ich diesen Morgen wirklich verzichten können. Die Ereignisse der letzten Stunden besetzten jetzt jegliche Arbeitskapazität meiner sonst so träge dahin wabernden Gedankenwelt. In meinem Kopf wuselten rote Hände, ein lachender Mann und ein Windreiter stromerten immerzu umher, dass kaum ein klarer Gedanke zu fassen war. Aber ich musste irgendwie nachdenken um heraus zu finden, wie das alles zusammen hing. Es musste irgendwo eine Verbindung zwischen diesen abnormalen Ereignissen geben. Aber das gestaltet sich bei umher wuselnden Gedanken die sich nicht greifen lassen, schwer, wenn nicht gar unmöglich. Wenn man dann noch merkt, dass man einfach nicht Ordnung schaffen kann und unterlegen ist, liegt es nah aufzugeben und sich irgendwie von den Problemen abzulenken und sie später wieder aufzunehmen.
An Ablenkung war allerdings nicht zu denken. Ha! Wie auch, da war kein Platz mehr in meinem Kopf der für Ablenkung verwendet werden konnte. Zum Glück übernahm mein Unterbewusstsein das Laufen und die Orientierung zur Schule, sonst wär ich womöglich noch in den Parksee oder gegen irgendeinen Baum gelaufen. Es ist erstaunlich wie man sich routinierte Abläufe merken kann und dann im Unterbewusstsein ablaufen lassen kann. Es läuft dann alles wie von selbst. Genau wie meine Füße an diesem Morgen. Sie liefen selbstständig den Weg ab, den ich sonst auch immer nahm und brachten mich so pünktlich zum Stundenklingeln an die Eingangstreppe. Also würde ich zu spät kommen, so wie jeden Morgen. Vielleicht sollte ich wirklich mal darüber nachdenken eher los zu gehen. Aber irgendwie hat ich es in diesem Moment nicht so mit dem Nachdenken, verständlich oder?


Die ersten beiden Stunden vergingen immer sehr schleppend. Man quälte seine noch müden Augen offen zu bleiben und den verschlafenen Verstand wach zu bleiben. Dazu lauschte man den einschläfernden Ausführungen von ebenfalls total übermüdeten Lehrfachkräften. Ein munterer Schüler der versuchte etwas zu zuhören und zu lernen, hatte da schlechte Chancen. Denn diese geballte Müdigkeit die sich in den Klassenräumen anstaute, erfasste jeden und schläfert umgehend selbst die größten Kaffeesüchtigen ein.
Dementsprechend sah es auch auf den Gängen aus, wenn die ersten beiden Stunden vorbei waren. Massen von Schlafzombies schlurften durch die Gänge, knurrten, murrten und nuschelten sich gegenseitig an und fielen über die her die die ersten beiden Stunden Ausfall gehabt hatten und wunderbar ausgeschlafen waren. Ich versuchte mich immer wie einer von den Zombies zu verhalten um nicht von ihnen aufgespürt zu werden und in ruhe meinen Weg gehen zu können. Bis jetzt hatte es immer ganz gut geklappt, vermutlich bin ich ein Naturtalent im verpennt aussehn.
Ich schlurfte also mit halb offenen Augen, runter hängenden Schultern und über den Boden schleifenden Füßen durch die langen Gänge der Thyrtea University. Das war meine Schule. Die Thyrtea University. Ein ziemlich bescheuerter Name, denn was soll Thyrtea denn bitte bedeuten?? Ausserdem war meine Schule keine Universität sondern eine normale Schule auf die jeder mit einem mittelmäsigen Zeugnis locker drauf kam und mit einem genauso mittelmäsigen Abschluss wieder gehen konnte. Wenn man eine großartige Karriere vorhatte, war hier kein geeigneter Ort für den Anfang. Nicht nur wegen der weniger guten Möglichkeiten nach dem Abschluss, sondern viel eher wegen des eher “unruhigen” Arbeitsklimas. Wie schon erwähnt gab es die Guten und die Bösen an unsrer Schule, wer nicht “gut”, war automatisch böse und wurde von den Guten, zumindest hielten sie sich dafür, verabscheut, verachtet, beschimpft und verprügelt. Aber wenn man es gut anstellte verloren sie irgendwann das Interesse an dem von ihnen Ausgewählten und suchten sich einen Neuen. Wenn man diesen Status dann endlich erreicht hatte, es war wirklich nur eine Zeitfrage bis man in Ruhe gelassen wurde, konnte man ohne Paranoia die Gänge durchwandern. Ich konnte also in aller Seelenruhe zu meinem Spint gehen, ohne irgendwie einen dummen Spruch oder Apfel an den Kopf geschleudert zu bekommen.
An meinem Spint angekommen, schaute ich mich doch noch mal um bevor ich ihn öffnete. Eine Angewohnheit aus der alten Zeit als man damit rechnen musste, beim Öffnen von hinten einen Milchshake in den Spint geschmissen zu bekommen.
Der Milchshake blieb aus, obwohl man das Quietschen der Metaltür auf dem ganzen Flur erschreckend laut hören konnte. Mich begrüßte das übliche Chaos aus Büchern, zerknitterten Sportklamotten und zugehörigen Schuhen, sowie kleinen undurchsichtigen Tüten, vollgestopft mit allerlei Krempel. Alles stellte zusammen einem großen unförmigen Haufen dar, der den Begriff Chaos bereits hinter sich gelassen hatte und schon längst wieder die Ordnung anstrebte. In dem Spint gab es so gut wie keine Farben die nicht dunkel waren. Die metallenen Wände waren von den Schatten verdunkelt und der Inhalt des Spints war entweder von Produktion aus dunkel gehalten oder hatte mit der Zeit seine Farbe verloren. Ich stellte meinen ebenso dunkel vergilbten Rucksack in das Schließfach,als mir ein heller Farbtupfer auf fiehl, der da mitten in der Dunkelheit auf dem Haufen ruhte. Es war ein himmelblauer Briefumschlag. Umgeben von den vielen hässlichen Farben dachte ich erst er wäre weiß, aber als ich ihn aufhob sah ich das es das reinste Himmelblau war. Wirklich reines Himmelblau findet man selten. Selbst der Himmel ist nie so blau, wie es dieser Umschlag war. Ich drehte ihn um, aber fand keinen Namen oder Adresse; auf beiden Seiten nicht. Mir schoß zu erst der Gedanke durch den Kopf, dass der Absender scheinbar die Farbe des Umschlags unberührt lassen wollte. Ich war einen kurzen Moment perplex was für bescheuerte Gedanken ich hatte. Warum sollte jemand darauf bedacht sein eine Farbe nicht zu verschmutzen und deswegen seinen Namen nicht darauf zu verewigen? Das war vollkommener Blödsinn. Der Name oder die Adresse standen natürlich nicht auf dem Brief, damit der Absender seine Anonymität wahren konnte. Überhaupt, es war doch wirklich egal in was für einer Farbe ein Brief gefasst war, es war ja nur ein Brief. Und Briefe sollen nicht schön aussehn sondern eine Nachricht überbringen. Aber trotzdem war ich während ich den Umschlag öffnete sonderbar vorsichtig, das Papier ja nicht zu zerreißen. Schon seit dem ich den Brief in Händen gehalten hatte war mir sonderbar zu mute. Ein komisches Gefühl in der Magengegend und eine wachsende Nervosität fassten mich. Meine Hände zitterten schon, als ich die kleine Karte aus dem Umschlag zog und anstarrte. Die Karte war auch himmelblau, aber in einem dunkleren Ton und diesemal mit Schrift beschmutzt. Mit nur einem Satz, einer Frage “Wie hat dir das Buch gefallen?” konnte man also eine Farbe verunreinigen und einen Menschen verunsichern. Ich war wirklich unsicher und drehte die Karte hastig um, sie glitt mir fast aus der Hand. Das was ich auf der Rückseite fand gab mir nicht unbedingt das Gefühl von Sicherheit zurück. “Schreib mir wie es dir gefallen hat, vielleicht in einem kleinen Brief? Hinterlege den Brief links neben der Treppe am Eingang der Schule, aber gib acht, das dich niemand dabei sieht!” In einigen Absätzen darunter stand noch “Ich habe eine Aufgabe für dich!”
Der letzte Satz lies mich in Ernüchterung aufatmen. Ich wusste jetzt, dass dieser andere Brief, den ich zusammen mit dem Buch erhalten hatte, doch kein Liebesbrief einer schmachtenden Verehrerin war. Ich war erleichtert, aber gleichzeitig auch in gewisser Weise enttäuscht. Ich hatte bis dahin noch nie eine Freundin gehabt. Noch nie hatte sich ein Mädchen für mich als Person interessiert, immer nur wenn es darum ging, das man für sie etwas erledigen sollte. Ständig sollte man ihnen etwas aus der Cafeteria holen oder ihnen die eignen Hausaufgaben bereitstellen. Sie machten nie selbst die Hausaufgaben, aber hatten sie im Unterricht immer. Sie benahmen sich wie Prinzessinen. So schön wie Prinzessinen waren sie zumindest. Aber lies man sich von ihrer Schönheit täuschen und einlullen, war man verloren. Einmal in den Fängen dieser schwarzen Witwen und man hatte alles verloren. Sie behandelten einen wie Dreck. Dagegen waren die Jungs aus den Sportgruppen ein Haufen von Schwächlingen.
Diesen Mädchen war nichts zu mies, sie spielten mit den Leben der Jungs die ihnen zu Füßen lagen. Denn sie forderten sie immer wieder auf, die absonderlichsten Dinge zutun und versprachen ihnen dann eine Verabredung. Ich bin mir nicht sicher, aber meistens bestanden solche Aufgaben entweder daraus, dass die Mädchen einen Vorteil daraus zogen oder sie belustigt und unterhalten wurden. Beide Fälle zu kosten der Jungen, die manchmal sogar ihre Gesundheit aufs Spiel setzten.
Ich hatte bald gelernt, dass man solchen Frauen besser aus dem Weg ging um seine Haut zu retten. Anfangs ließ ich es mir einige Male gefallen von ihnen zum Kopierer geschickt zu werden und mit ihren billigen Versprechen abgespeißt zu werden. Aber mit der Weile erkannte ich, dass ich darauß keinen Nutzen ziehen würde und weigerte mich von da an für sie der Dumme zu sein. Natürlich ging das nicht ohne Aufsehen zu erregen. Denn sobald man ihnen zeigte, dass man nichts von ihnen und ihrer Art hielt, begannen sie damit, sich als Oper aufzuspielen. Sie setzten schnell ihre Mitleidsmasken auf und spielten die Unschuldigen, schüchternen Mädchen. Entweder fiel man an diesem Punkt wieder auf sie herein oder man blieb standhaft. Ich blieb fest bei meiner Entscheidung und inn diesem Falle hetzten sie ihre hirnlosen Zombies, die Jungs die ihnen hoffnungslos verfallen waren, auf mich. Es reichte wenn sie ihren Zombies sagten “Siehst du den da? Der hat was schlechtes über mich gesagt, mach ihn fertig!” Schon hatte man eine Meute Idioten auf dem Hals, die einem einredeten was man doch für ein schlechter Mensch man sei und dass diese unschuldig wirkenden Mädchen doch wohl kaum so durchtrieben sein konnten. Es war jämmerlich mit anzusehn, wie sie sich für solche Hexen ins Zeug legten. Aber hatte man auch diese Instanz überstanden, spielten sie ihren letzten Trumpf aus. Ja ich habe bis zum Schluß gekämpft, daher weiß ich, dass die letzte Phase die leichteste ist. Man muss nur bereit sein ihr entgegen zu gehen; man muss vom eignen Weg überzeugt sein. Dann tritt man ihren abfälligen Bemerkungen, Witzen und verbalen Attacken mit einem überlegenen Lächeln entgegen. Dann wirkt ihr letzter Versuch dich zu unterjochen, dich gefügig zu machen nicht mehr. Aber ich habe soviele gesehn die es nicht geschafft haben, den Weg bis zum Ende zu gehn und diesen sogenannten Prinzessinen ins Gesicht zu sagen “Ich bin nicht dein Sklave, mach deinen Mist alleine!”
Ich betrachtete seitdem jedes Mädchen mit Argwohn. Und deswegen war ich in ihren Augen ein merkwürdiger Freak der Mädchen hasste, angeblich. Natürlich hatten die Prinzessinen da auch ihre Finger im Spiel, in dem sie Lügen und Gerüchte über mich in Umlauf brachten.
Ich hätte schon gern einmal eine Freundin gehabt. In meiner Klasse hatte bis dahin fast jeder Junge zumindest schon eine richtige Verabredung gehabt. Ich noch nie, und mit fortschreitender Zeit wollte ich auch gar keine Verabredung oder Freundin mehr. Aber den Wunsch nach Zweisamkeit konnte ich nie richtig abschütteln. So wurde es eine Sehnsucht tief in mir, tief in meinem Herzen.
Aber das ist nicht der Punkt und überhaupt schweife ich viel zu weit aus. Zurück zu der Karte und der Nachricht. Ich war erleichtert das es keine Verehrerin war. Das brachte mir meine Sachlichkeit zurück. Ich las mir die Nachricht noch einmal durch und entschied auf das Angebot zu einem Antwortschreiben an die Absenderin einzugehen. Ich wollte sie auch gleichzeitig nach der Aufgabe fragen, die sie scheinbar für mich bereithielt.
Ich nutzte die darauf folgenden Unterrichtsstunden um diesen Brief zu schreiben. Ich schrieb, wie ich das Buch an einem Abend förmlich verschlungen hatte und auch von dem Traum den ich in der Nacht gehabt hatte. Ich fügte auch hinzu, dass es das erste Buch gewesen war das ich richtig gelesen hatte und es mir sehr gut gefallen hatte, auch wenn das nicht ganz stimmte. Als ich über das Buch schrieb wurde mir plötzlich klar was vorn auf der Karte stand. Sie fragte mich, wie mir das Buch gefallen hätte. Woher wusste sie das ich es schon fertig gelesen hatte? Das ging doch unmöglich, wie hätte sie es denn heraus bekommen sollen. Hatte sie mich beschattet? Mich durch das große Fenster meines Zimmers beobachtet?? Nein unmöglich, das wäre auch sehr bescheuert. Warum sollte sie das tun, es ging doch nur um ein Buch und das ich es las. Da wäre es sinnloser Aufwand, sich in einem gegenüberliegenden Haus und Stockwerk einzu quartieren um mich mit einem Fernglas zu beobachten. Oder?
Diesen Gedanken wurde ich nicht ganz los, als o begann ich mit dem Teil in dem ich sie nach der Aufgabe fragte. Bei dem Gedanke der möglichen Bespitzelung und dieser mysteriösen Aufgabe, fühlte ich mich wie einen Profikiller oder Söldner. Ein Profi, der mit seinen Klienten nur über Briefe kommuniziert und so seine blutigen Aufgaben erhällt. Niemand kennt seine wahre Identität, aber denn noch fürchten ihn selbst die stärksten Männer. Er ist der einsame Wolf. Aber das war nur Spinnerei und lenkte mich vom Schreiben ab. Ich fasste mich kurz, schrieb ihr nur, dass ich an der Aufgabe interessiert sei, insofern sie mir vorher die näheren Details erläutern würde. Den Brief schloß ich mit der Frage “Wer bist du, hast du einen Namen?”.
Meine Stundenarbeit blieb unbemerkt.

Ich hinterlegte den Brief nach Schulende an der vereinbarten Stelle neben der Treppe. Dabei sah ich mich um, als würde ich etwas verbotenes oder unanständiges tun. Und ein bisschen dämlich kam ich mir auch vor . Aber niemand sah mich, die Bedingung war erfüllt und ich war sehr aufgeregt, wie die Antwort wohl lauten würde. Am liebsten wäre ich bei dem Brief stehn geblieben und hätte auf die Briefschreiberin gewartet. Dieser Gedanke macht mich aber zu nervös und ich beschloß stattdessen nach hause zu gehn und den nächsten Tag abzuwarten. Es war auch schon dunkel geworden, ich hatte ja warten müssen bis die anderen Schüler fort waren, um nicht beobachtet zu werden.
Auf dem Heimweg, im West-Pocket Park, sah ich dies mal nur die schwarze Siluette des Mannes mit dem Gittarrenkoffer. Nicht das ich ihn unbedingt hatte sehn wollen, nicht nach dem was am vorhergehenden Nachmittag passiert war. Aber er war ein täglicher Anblick und gehörte irgendwie zu meinem Alltag dazu. So komisch das auch klingt, selbst wenn etwas noch so abartig ist, man es aber jeden Tag sieht, wird es irgendwann Teil des eignen Lebens. Sollte es mal fortsein, dann fehlt plötzlich etwas von uns selbst.
Nun gut, der Mann war da, also auch das Stück meines Lebens. Der Heimweg verlief zum Glück ohne weitere Komplikationen. Ich musste sogar auf den Fahrstuhl warten.



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